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Oheim trifft Schwippschwager

Die Verwandtschaftstafel zeigt die wichtigsten Verbindungen
Foto: Wikimedia Commons (PD-Lizenz) Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Verwandtschaftstafel.svg
Die Verwandtschaft bietet uns entweder Liebe, Geborgenheit und Unterstützung oder sie ist der Anlass für Streit und Unruhe, wie es sich beispielsweise bei Familienfesten und im Erbfall beobachten lässt. Jeder, dem das Schicksal die erste Alternative zuweist, kann sich glücklich schätzen. Die anderen Menschen leiden darunter, dass man sich Verwandte im Gegensatz zu Freunden nicht nach eigenem Geschmack aussuchen kann.

Jeder Mensch ist anders und bereichert unsere Welt mit seinen individuellen Eigenschaften. Aber kein Mensch existiert völlig unabhängig von den anderen Exemplaren seiner Spezies. Selbst besonders einsame Vertreter des Homo sapiens wie Kaspar Hauser oder die sogenannten Wolfskinder haben allein aus biologischen Gründen mindestens zwei Verwandte, nämlich ihre Eltern. Bei den Findelkindern ist die emotionale und soziale Nähe kaum bis gar nicht vorhanden, aber die verwandtschaftliche Beziehung besteht zwangsläufig. Bei „handelsüblichen“ Lebensläufen gehören wesentlich mehr Mitglieder zu einer Familie und je größer die Anzahl der Kinder in den einzelnen Generationen ist, desto komplexer und komplizierter werden die Linien zwischen ihnen. Während uns das Kleine-Welt-Phänomen erklärt, dass wir über mehrere Ecken fast jeden Menschen auf diesem Planeten kennen, können wir auch bezüglich unserer Ahnen und Geschwister Gemeinsamkeiten feststellen, wenn wir nur weit genug zurück in die Vergangenheit gehen. Wenn nötig, halt bis in die prähistorische Zeit oder zu Adam und Eva. Allerdings sprechen wir bei solchen weitläufigen Gruppierungen kaum noch von Familien, sondern eher von Sippen, Ethnien oder Stämmen.

Der letztgenannte Begriff ermöglicht bei näherem Hinsehen interessante Entdeckungen. Das freie Wörterbuch Wiktionary listet sieben Bedeutungen für das Lemma „Stamm“ auf. Unter Punkt zwei finden wir die ethnologische Definition und direkt darüber die wohl bekannteste Erklärung aus der Biologie: den Baumstamm. Wenn wir dieses Wort umdrehen, kommen die gemeinsame Herkunft vieler Menschen und der Bestandteil der Pflanze zusammen. Es ist wohl kein Zufall, dass man sich bei der grafischen Darstellung der Verwandtschaft an der Flora orientiert. Vom gemeinsamen Stamm ausgehend verzweigen sich immer mehr Linien, an denen die einzelnen Personen wie Blätter hängen, und mit jedem neuen Familienmitglied (das insbesondere beim männlichen Geschlecht passenderweise gerne als Stammhalter bezeichnet wird) entstehen neue Sprosse. Ebenso wie ein Baum nicht nur senkrecht nach oben wächst, dehnen sich auch die menschlichen Verwandtschaften in der Breite aus. In direkter Linie werden die Gene von den Eltern auf die Kinder und von diesen an den eigenen Nachwuchs vererbt. Durch Geschwister entstehen zusätzliche Linien, die wir beispielsweise über Onkel und Cousinen verbinden.

Wie nah wir mit bestimmten Menschen verwandt sind, beschreiben Soziologen (oder andere Menschen, die sich mit Stammbäumen beschäftigen) mit Graden. Je größer der Grad ist, desto entfernter ist der Verwandte vom Ich. Sprachlich lässt sich der Abstand daran erkennen, ob wir einen Verwandten außer mit Vor- und Nachname auch mit einem Wort benennen können. Verwandte ersten Grades sind unsere Eltern und Kinder. Wenn wir eine Generation weiter in die Vergangenheit oder Zukunft gehen, kommen wir zu den Großeltern oder Enkeln, die als zweiter Grad definiert werden. Für jeden weiteren Grad auf der Senkrechten der Verwandtschaftstafel hängen wir in der deutschen Sprache einmal die Vorsilbe Ur- an die zuletzt genannten Bezeichnungen an. Wenn wir uns seitlich bewegen, müssen wir die sogenannten vermittelnden Geburten zählen. Vom Ich zur Cousine sind es beispielsweise vier Schritte, also Grade, nämlich über die Eltern, die Großeltern und Onkel/Tante. Mit der gleichen Methode kann man für die direkten Nichten und Neffen die Ordnungszahl drei ermitteln.

Je weiter außen die „Blätter“ am Stammbaum hängen, desto kompliziert wird die Beschreibung. Dabei haben wir solche Sonderfälle wie Adoptiveltern oder Halbgeschwister noch gar nicht berücksichtigt. Außerdem können wir unsere Verwandtschaft noch in zwei Flügel der Eltern teilen. Andere Sprachen berücksichtigen diesen Unterschied ausdrücklich, indem sie z.B. verschiedene Wörter für Tanten haben, je nachdem ob es sich um eine Schwester der Mutter oder des Vaters handelt. Früher gab es diese Entscheidung auch im Deutschen. Der patrilineare Onkel hieß Oheim und seine Gattin war die Muhme; mütterlicherseits sprach man von Vetter und Base. Als der Unterschied durch französische Importe verschwand, wurden die beiden letzten Begriffe auf Cousin und Cousine übertragen.

Mit der Vorsilbe Schwieger- und den Worten Schwager/Schwägerin bezeichnen wir hingegen keine Verwandten, sondern durch Eheleute miteinander verbundene Personen. Schwiegereltern und Schwiegersöhne bzw. -töchter sind die Vorfahren und Nachkommen des Ehepartners, während der so lustig klingende Schwippschwager der Bruder des Ehepartners des/r eigenen Bruders/Schwester ist. An dieser Konstellation merkt man schon, wie sich verwandt und verschwägert kombinieren lassen. Wer hier den Überblick verliert, kann sich damit trösten, dass er alle Menschen auch mit ihrem Namen anreden kann. Denn alle Brüder, Tanten und Nichten nützen mir nichts, wenn die Chemie nicht stimmt.

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Dieser Artikel stammt aus Markus Schnitzlers Internet-Magazin „Kein Blatt“, Ausgabe September 2010. Den Original-Text und weitere Informationen lesen Sie online unter www.kein-blatt.de.
Dokument ausgedruckt am 5. September 2010 um 8:21 Uhr
© 2010 Markus Schnitzler, Düren