|
kein Blatt
vor dem Mund
Markus Schnitzlers Internet-Magazin
|
Artikel als PDF
Ihr Kinderlein kommet

Kinder und Senioren im Generationenvertrag
Foto links: Wikimedia Commons (CC-Lizenz) - Foto rechts: Wikimedia Commons (CC-Lizenz)
Fotos: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Well-clothed_baby.jpg
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Senescence.JPG
Auf der einen Seite stehen Pflegenotstand und Mehrgenerationenhaus, auf der anderen Seite gewisse Unvereinbarkeiten und Krippenplätze. Dazwischen drängeln sich ein paar fremde Menschen und ein Vertrag, der in Deutschland immer größere Bedeutung gewinnt. Die Zusammenhänge sind komplexer, als man meinen könnte.
Vom Jahr 2030 sind wir nach unserer Zeitrechnung noch zwei Dekaden entfernt. Die Kinder, die anno 2010 geboren werden, haben bis dahin schon die Volljährigkeit erreicht und einige der Menschen, die jetzt noch im Berufsleben stehen, liegen dann vielleicht schon unter der Erde. Angesichts des immer rasanteren Fortschritts in unserer schnelllebigen Gesellschaft können wir nur Vermutungen anstellen, wie wir leben werden, wenn unsere Kalender das Jahr 2030 anzeigen. Deshalb konnten die Autoren der genau zu dieser Zeit angesiedelten Pseudo-Doku, die unter dem Titel „Aufstand der Alten“ im ZDF ausgestrahlt wurde, keine Fakten präsentieren, sondern nur spekulieren, was sie mit ziemlich drastischen Visionen taten. Die verarmten Senioren, die sich keine teure Pflege leisten können, werden in afrikanischen Discount-Altenheimen abgefertigt, bis eine investigative Journalistin den Skandal aufdeckt und die Bundesregierung zum Rücktritt zwingt.
So extrem wird die zwanzig Jahre entfernte Zukunft nicht aussehen. Dennoch spricht der mehrteilige Film eine der größten Herausforderungen an, die uns in Deutschland bevorstehen. Unter dem Stichwort „demographischer Wandel“ finden wir Statistiken, die besagen, dass sich die Altersverteilung in unserer Gesellschaft in Diagrammen immer mehr einer Pyramidenform annähert - und zwar mit der breiten Seite bei den jungen Menschen. Einfacher ausgedrückt: Wir werden immer älter. Das gilt nicht nur - dank verbesserter medizinischer Möglichkeiten - für individuelle Schicksale, sondern auch für den Durchschnitt unserer Bevölkerung, da parallel zum Anstieg der Lebenserwartung die Geburtenrate sinkt. Deshalb wird es immer schwieriger, den berühmten Generationenvertrag, auf dem unsere Gesellschaft basiert, in der soziologischen Realität umzusetzen. Wir haben immer mehr auf Unterstützung angewiesene Senioren, aber immer weniger Junioren, die sich darum kümmern können. Die Probleme betreffen alle Ebenen: die medizinische Pflege, die Finanzierung der Renten und die soziale Betreuung.
Das monetäre Defizit könnte man verringern, indem man einen alten Spruch beachtet: Das Geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer. Mit den richtigen Prioritäten klingelt die Kasse schnell. Viel interessanter sind die weiteren Themen, bei denen ein Blick in die Vergangenheit helfen könnte. Während heute kleine Familien, Alleinerziehende und Singles dominieren, war es in früheren Jahrzehnten üblich, dass Großeltern, Eltern und Kinder unter einem Dach wohnten. Dieser Gedanke erlebt allmählich beim Konzept des Mehrgenerationenhauses ein Comeback. Aber Senioren und junge Leute, die sich eine Wohnung teilen, müssen nicht zwangsläufig in einer verwandtschaflichten Beziehung stehen. So gibt es beispielsweise Studenten, die älteren alleinstehenden Menschen im Haushalt helfen und als Belohnung eine günstige Unterkunft erhalten. Das Zusammenleben fördert das Verständnis der Jungen für die Probleme der Alten und letztere bleiben durch den Kontakt mit der jüngeren Generation fit.
Die Frage, wie wir genügend Nachwuchs bekommen, um die Altersverteilung in der Gesellschaft einigermaßen ausgeglichen zu gestalten, lässt sich ebenfalls nicht mit einer einzelnen Antwort klären. Die Lust auf gewisse körperliche Aktivitäten hat sicherlich nicht nachgelassen, doch bevor daraus Kinder entstehen, müssen die Voraussetzungen für die Eltern und ihren Nachwuchs angenehm genug sein. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die ausreichende Versorgung der Kleinen sind altbekannte Ansprüche, deren Umsetzung die Betroffenen weiterhin als unzureichend empfinden. Außerdem sollten wir Menschen, die aus kinderreichen Kulturen zu uns kommen, nicht mit demagogischem Geschrei, das an xenophobe Zeiten in unserer Vergangenheit erinnert, vergraulen. Wir sollten unsere fremden Mitbürger so vernünftig integrieren, dass ihre Kinder ein Teil unserer gemeinsamen Gesellschaft werden. Was zuletzt bei der Fußball-Nationalmannschaft so gut funktioniert hat, lässt sich mit der richtigen Taktik und dem nötigen Ehrgeiz auf die gesamte Gesellschaft übertragen.
Lesenswertes
Kommentare
Wenn Sie einen Kommentar zu diesem Artikel schreiben wollen, nutzen Sie bitte das
Formular. Ausgewählte Kommentare werde ich hier veröffentlichen. Wenn Sie mir den Kommentar nur privat senden wollen, wählen Sie die entsprechende Option im Formular.
Bookmark für diese Seite anlegen
powered by Philognosie
Dieser Artikel stammt aus Markus Schnitzlers Internet-Magazin „Kein Blatt“, Ausgabe
September 2010. Den Original-Text und weitere Informationen lesen Sie online unter www.kein-blatt.de.
Dokument ausgedruckt am 5. September 2010 um 8:22 Uhr
© 2010 Markus Schnitzler, Düren