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Die private Gemeinschaft
Vater, Mutter und drei Kinder
Foto: Wikimedia Commons (CC-Lizenz)
Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Family_Portrait_.jpg
Jeder hat sie, aber nicht jeder liebt sie. Man kann ihre Mitglieder nicht frei wählen und die Zusammensetzung ändert sich nur durch Geburt, Heirat oder Tod. Sie kann der Inbegriff der Heimat sein, weil sie uns ein Gefühl der Geborgenheit gibt, oder Anlass zum Streit bieten. Die Familie ist eine vielfältige und faszinierende Gruppe.
Die 33jährige Diplom-Soziologin Kristina Schröder wuchs in Wiesbaden als Tochter eines Beamten und einer Immobilienhändlerin in gut situierten Verhältnissen auf und wurde Ende vergangenen Jahres als jüngstes Mitglied der aktuellen Bundesregierung bekannt. Dabei trat die neue Familienministerin ein schweres Erbe an, denn im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen, die Mutter von sieben Kindern ist, kann die junge Politikerin auf keine Erfahrungen mit eigenem Nachwuchs zurückgreifen. Frau Schröder, die seit Februar verheiratet ist, hat bereits angekündigt, mehrfache Mutter werden zu wollen, aber es würde durchaus zur allgemeinen Situation in der deutschen Bevölkerung passen, wenn sie ihren Plan nicht umsetzt. Schließlich geht der Trend eindeutig weg von großen Familien, vor allem wenn die potentielle Mutter mehr Wert auf die eigene berufliche Karriere als auf Fortpflanzung legt. Die Unvereinbarkeit des Arbeitslebens mit der familiären Rolle gilt dabei als eines der größten sozialpolitischen Probleme im Staate Deutschland. Vielleicht kann Frau Schröder ja bessere Bedingungen für sich selbst und viele andere Frauen schaffen.
Eine harmonische Familie leistet einen wesentlichen Beitrag zum Wohlbefinden jedes Menschen. Zu Freunden können wir eine sehr enge und vertrauensvolle Beziehung aufbauen, aber die Familie begleitet uns von dem Moment, in dem wir das Licht der Welt erblicken, bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Tod unser Leben beendet. Eltern und andere Verwandte brauchen wir nicht zu suchen, sie existieren selbstverständlich. Ein gesundes neugeborenes Kind besitzt zwar alle biologischen Voraussetzungen, die zum Leben erforderlich sind, aber es ist unselbstständig. Die Eltern begleiten den jungen Menschen durch die schwierigen ersten Jahre des Lebens und bauen dadurch ein Verhältnis auf, das auch später durch Meinungsverschiedenheiten nur gefährdet, doch nicht völlig zerstört werden kann. Wenn wir davon sprechen, nach Hause zu kommen, bezieht sich die Aussage möglicherweise auf ein Land oder eine Stadt, in erster Linie ist allerdings die Heimat dort, wo wir den Beginn unseres Lebens verbrachten und aufwuchsen. Die Familie erzeugt Heimatgefühle und bietet eine Zuflucht, wenn wir mit Freunden, Kollegen oder anderen Menschen unzufrieden sind.
Manchmal geht uns die Nähe auf die Nerven. Wenn beispielsweise zu Weihnachten alle Verwandten mehrere Tage miteinander verbringen, bricht bei einigen Familien regelmäßig der Lagerkoller aus, weil die einzelnen Mitglieder die Anwesenheit bestimmter Verwandter als Belastung empfinden und ihnen nicht entkommen können. Diese Unruhen werden dadurch verschärft, dass wir es nicht mehr gewohnt sind, mit so vielen Verwandten unter einem Dach zu leben. Standard in Deutschland ist im 21. Jahrhundert die Kleinfamilie, die aus den Eltern und meistens nur ein oder zwei Kindern besteht. Die Großeltern leben oft nicht allzu weit entfernt, gehören aber meistens nicht mehr zum Haushalt, wie es in früheren Dekaden oder Jahrhunderten üblich war. Wenn wir historisch noch weiter zurückgehen und uns mit der Etymologie, also der Herkunft des Wortes „Familie“ beschäftigen, stoßen wir auf sehr interessante Erkenntnisse. Es leitet sich ab vom lateinischen Wort „famulus“, das übersetzt „Haussklave“ bedeutet. Die Familie des „pater“ umfasste nämlich alle Menschen, die zum Besitz des Mannes gehörte, inklusive der Sklaven und des Viehs.
Ausgehend von dieser sehr umfangreichen Definition reduzierte sich die Familie im Laufe der Geschichte immer mehr. Spätestens durch die Einführung der Demokratie und die Würdigung der Menschenrechte wurde die Sklaverei abgeschafft und das Vieh zählen heute noch nicht mal mehr die Landwirte zu ihrer Familie, selbst wenn sie einen ungeliebten Verwandte vielleicht mal als „dumme Kuh“ oder „blöden Hornochsen“ bezeichnen. In der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts entstand die traditionelle Kleinfamilie mit dem berufstätigen Vater, der Hausfrau und einer begrenzten Anzahl von Kindern. Diese Familie bildet den Prototyp der Familie, der allerdings in jüngster Zeit durch alternative Modelle gelockert wird. Weil viele Menschen mehr Wert auf Individualität und Selbstverwirklichung legen und zudem die Toleranz gegenüber homosexuellen Partnerschaften wächst, bereichern unter anderem Patchwork- und Regenbogenfamilien die gewohnten Strukturen. Der Nachwuchs überforderter Erzeuger hat zudem die Möglichkeit, in Adoptiv- oder Pflegefamilien ein neues Zuhause zu finden. Jedes Kind braucht neben einer Mahlzeit auch liebevolle Menschen, denen es voll vertrauen kann. Weder Freunde noch der Staat und erst keine Medien können die private Gemeinschaft einer guten Familie ersetzen. Egal ob diese aus drei oder zehn Mitgliedern besteht.
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Dieser Artikel stammt aus Markus Schnitzlers Internet-Magazin „Kein Blatt“, Ausgabe
September 2010. Den Original-Text und weitere Informationen lesen Sie online unter www.kein-blatt.de.
Dokument ausgedruckt am 5. September 2010 um 8:23 Uhr
© 2010 Markus Schnitzler, Düren